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larakaa 's review for:

No Borders by Michael Barck, TeMeL
5.0

Auf den ersten Blick erscheint Jill nicht gerade wie eine Heldin. Nachts wird sie von Alpträumen geplagt und nimmt sie ihre Tabletten nicht, dann bekommt sie Angstzustände. Tagsüber arbeitet sie als Angestellte im IT-Bereich der NSA, befolgt Befehle und lässt sich von ihrem Chef schikanieren. Doch dann geschieht während ihrer Suche nach einem angeblichen Sicherheitsleck etwas Unglaubliches: Sie bekommt einen elektrischen Schlag und reist in die Vergangenheit, und noch dazu nach China. Und ab diesem Zeitpunkt wird es sowohl für Jill als auch für die Leser*Innen kompliziert.

Zukunft ist Vergangenheit

Denn ihre Vergangenheit ist unsere Gegenwart, 2016. Und als Jill auch noch in Arme des seltsamen Ho Zhing stolpert ist sie völlig überfordert. Ho behauptet aus der Zukunft zu kommen, einer Zeit, die auch für Jill in der Zukunft liegt. Jill stammt aus 2023 kurz bevor ein Terroranschlag weitreichende Überwachungsmaßnahmen und Zensur auslöst. Ho hingegen kommt aus dem Jahr 2040, in dem diese Maßnahmen zu einem totalitären Staat gewachsen sind. Ho will das verhindern und versucht Jill davon zu überzeugen, sich ihm und der Widerstandsgruppe „No Borders“ anzuschließen. Doch Jill sträubt sich und will nur zurück in ihre Zeit und so greift Ho zu einem extremen Mittel, um sie doch noch umzustimmen.

Wut gegen die Überwachungsmaschine

Jill Edwards ist keine Superheldin. Aber genau das macht sie für die Leserschaft so zugänglich. Ihre Argumente sind die, die immer wieder in Diskussionen um Überwachung und innere Sicherheit fallen. „Ich habe doch nichts zu verbergen“, „Das dient unserer Sicherheit“ oder „Ich kann doch als Einzelne nichts ausrichten“. Der Comic „No Borders“ entkräftet diese Aussagen Schritt für Schritt, ohne mahnenden Zeigefinger, und zeigt plastisch, wohin der immer stärkerer werdende staatliche Zugriff in die Privatsphäre führen kann. Zeichnerin TeMel und Autor Michael Barck schaffen dazu starke Bilder in toller Optik. Die zumeist engen, schmalen oder kleinen Panels vermitteln beim Lesen ein Gefühl der Einengung. Die Charaktere können sich aufgrund der Überwachung nicht frei bewegen und das Gefühl überträgt sich auf die Leser*Innen. Auch die immer wieder vewendeten extremen Close-up-Perspektiven erzeugen eine Unmittelbarkeit und rücken Leser*Innen und Figuren näher zusammen. Bei psychisch belastenden oder emotionalen Momenten bricht die Panelstruktur auf und wird beispielsweise zerrissen oder schräg gedreht. Temels Zeichenstil – eine Mischung aus Aquarell, Tusche und digitalen Elementen – stellt eine Mischung aus westlichem und asiatischem Stil dar. Man merkt den Einfluss von Mangas, gerade in emotionalen Szenen, aber in der Figurenkonzeption springen einem sofort "Elfquest" von den Pinis in den Kopf. Zusammen mit einer Portion frankobelgischem Strich erschafft TeMel einen ganz eigenen, unverkennbaren Stil. Durch die satte Colorierung werden weitere Akzente gesetzt. Bunte Farben dominieren (nicht nur bei den Haarfarben) Vordergrund und Hintergrund, aber auch hier wird auf die Situationen reagiert. Bei Rückblicken und Traumsequenzen ändert sich das Farbschema und passend zur trostlosen, pessimistischen Zukunftsvision gibt es in diesen Szenen kaum bunte Farben. TeMel und Michael Barck kreiern auf diese Weise eine Welt, die irgendwo zwischen „Matrix“ und „1984“ liegt, aber dennoch beängstigend nah an unserer Realität. Jill Edwards zeigt uns: Es braucht nicht viel, um etwas zu verändern. Das macht sie zur Heldin.

[Dieser Text wurde zuerst im Tagesspiegel veröffentlicht]