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franthebooknerd 's review for:
Der Anfang des Buches ist auch direkt der Beginn des Untergangs der Welt, wie wir sie kennen. Die Georgische Grippe hat nun auch Toronto erreicht und breitet sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch aus - und nur die wenigsten überleben. Der erste Teil, der einen einleitenden Charakter hatte, endet mit den Worten: [Tweet ""Es war vorbei mit der Virtualität." (Seite 43, "Das Licht der letzten Tage")"]...und bildet damit einen dramatischen Auftakt für die Handlung.
"Ich..." Jeevan wusste nicht recht, wie er das alles erklären sollte, also trat er zurück und deutete mit einer matten Geste wortlos auf die Einkaufswagen. Frank manövrierte seinen Rollstuhl durch die Tür und blickte in den Flur. "Du warst einkaufen, hm?", sagte Frank.
Seite 37
In dem Buch kommen einige Charaktere vor, deren Geschichten allesamt miteinander verwoben sind. Wie genau, erfährt der Leser dabei natürlich erst nach und nach im Laufe des Buches. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei Arthur, der einen Einfluss hat auf Jeevan, Clark und auch Kirsten. Diese vier bilden den Hauptkreis an Figuren, interagieren aber auch noch mit einer Vielzahl an anderen Personen. Trotz der schrecklichen Situation, in der sie sich befinden, schaffen die Figuren in Mandels Roman es, Hoffnung und Lebendigkeit auszustrahlen. Ein wichtiger Teil der Handlung geht auf die Fahrende Symphonie zurück, zu der auch Kirsten gehört. Diese ist eine Zusammensetzung aus einem Orchester und einer Shakespeare-Theatergruppe, welche zusammengefunden haben und seit langer Zeit schon durch ein bestimmtes Gebiet reist, um mit Musik- und Theateraufführungen den Menschen in den Dörfern, die sich gebildet haben, etwas Unterhaltung zu bringen.
Die Grippe war damals wie eine Neutronenbombe auf der Erde explodiert, und es folgte eine Schockwelle - die ersten unsäglichen Jahre, als alle sich auf Wanderschaft begaben, bis den Leuten klar wurde, dass es keinen Ort auf der Welt gab, an dem das Leben so weiterging wie zuvor, und sie sich irgendwo ansiedelten und sich zur Sicherheit zu Gruppen zusammenschlossen, in Raststätten und ehemaligen Restaurants und alten Motels.
Seite 49
Die Handlung wechselt kapitelweise zwischen der Gegenwart und verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit. Die Gegenwart ist dabei schon mehr als zwanzig Jahre nach dem Ausbruch der Georgischen Grippe, doch auch dann herrschen noch schreckliche Zustände und der Hass und das Misstrauen unter den wenigen Überlebenden ist groß. Der Wechsel zwischen den Zeiten half mir dabei, ein besseres Verständnis zu entwickeln, wie die einzelnen Personen und Handlungsstränge miteinander in Verbindung stehen und welche Vergangenheit hinter den Charakteren steckt. Gerade die Szenen in der Vergangenheit - unserer Gegenwart - sorgten manches Mal für eine Auflockerung, da hier Situationen beschrieben wurden, die einem bekannt sind. Doch auch in der Gegenwart der Figuren wurden Parallelen zu unserer heutigen Welt erkennbar, was zum Teil doch eher erschreckend war.
Die Hölle ist die Abwesenheit von Menschen, nach denen man sich sehnt.
Seite 177
Als roter Faden ziehen sich zwei Aspekte durch das Buch. Zum einen ist da - wie oben schon erwähnt - Arthur, welcher direkt im ersten Kapitel stirbt, aber dennoch die verschiedenen Protagonisten zusammenführt und daher eine wichtige Rolle auch über seinen Tod hinaus spielt. Der zweite Aspekt hängt indirekt auch mit Arthur zusammen, denn seine erste Frau Miranda hat einen Comic gezeichnet, welcher immer wieder in der Geschichte an verschiedenen Punkten auftaucht. Er handelt von einem Mann, Dr. Eleven, der auf einer Raumstation lebt (Station Eleven), da die Erde untergegangen ist. Die Idee, diesen Comic mit einzubinden, hat mich begeistert und ich würde diesen Comic auch liebend gerne lesen, da ich mir beim Lesen die einzelnen Zeichnungen sehr gut bildlich vorstellen konnte. Zwischendurch fungierte die Beschreibung des Comics auch dazu, dass die Handlung aufgelockert wurde, da man bei den Beschreibungen leicht ins Träumen geraten konnte.
Das Seepferdchen ist ein gigantisches, rostrotes Vieh mit ausdruckslosen, untertassengroßen Augen, und auf seinem Kopf glüht seitlich das bläuliche Licht eines Funksenders. Lautlos bewegt es sich durchs Wasser, schön und albtraumhaft, und auf seinem geschwungenen Rücken sitzt ein menschlicher Reiter aus Untersee. Seite 105
Emily St. John Mandel schreibt - zumindest in der deutschen Übersetzung durch Wiebke Kuhn - so lebendig und beschreibend, dass ich das Gefühl hatte, vor meinem inneren Auge liefe ein Film ab. Die Autorin entwickelte spannende Ideen für eine Welt nach dem Zusammenbruch der Zivilisation, wie zum Beispiel, dass die Fahrende Symphonie aus Pick Ups, die man nicht mehr gebrauchen kann, Kutschen gebaut hat. Generell fand ich es faszinierend, wie die Autorin eine mögliche Entwicklung nach einer solchen Katastrophe sieht. Sie spricht in ihrem Roman viele wichtige Dinge an, die mich als Leserin immer wieder dazu brachten, über mich und mein Leben nachzudenken.
"Sie glauben also nicht, dass er seinen Job mag." "Richtig", sagte sie. "Aber ich glaube nicht, dass ihm das überhaupt bewusst ist. Wahrscheinlich begegnen Sie auf Schritt und Tritt Leuten wie ihm. Im Grunde sind das alles Hochleistungsschlafwandler." [...] "Oder vielleicht sollte ich eher sagen: Das ist das, was als Leben durchgeht. Das ist das, was für die meisten Menschen als Glück durchgeht. Typen wie Dan sind wie Schlafwandler", meinte sie. "Und nichts könnte sie jemals aufwecken."Seite 201f
Der Roman "Das Licht der letzten Tage" ist etwas ganz Besonderes und ich kann ihn aus vollster Überzeugung jedem nur ans Herz legen. Die Autorin schafft es, vielschichtige Geschichtsfäden am Ende zusammenzuführen ohne auch nur eine Frage offen zu lassen. Während ich das Buch las, war ich komplett in seinem Bann und ich fühlte mich, als wäre ich ein Teil der Fahrenden Symphonie.
In den alten Tagen war er ein paarmal in den ganz frühen Morgenstunden in den Flieger gestiegen, um von New York nach Los Angeles zu kommen, und da gab es immer einen Moment, in dem sich das Licht der aufgehenden Sonne von Osten nach Westen über die Landschaft ausbreitete, die Morgendämmerung sich in Flüssen und Seen spiegelte, die zehntausend Meter unter dem Fenster lagen, und obwohl er natürlich wusste, dass es im Grunde nur eine Sache der Zeitzonen war, dass es irgendwo auf Erden immer gerade Nacht oder Morgen war, empfand er in diesen Momenten insgeheim ein tiefes Vergnügen bei dem Gedanken, dass die Welt gerade erwachte.Seite 320